Über 800 Teilnehmende, darunter 494 Transplantationsbeauftragte, haben die Vorträge und Diskussionen des 22. DSO-Jahreskongresses in Frankfurt am Main vor Ort und per Livestream verfolgt und sich an dem intensiven fachlichen Austausch rund um die Organspende beteiligt.
Dr. Christiane Schenderlein, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, begrüßte am ersten Kongresstag die Teilnehmenden mit einer Videobotschaft, in der sie ihnen ihren Dank und ihre tiefe Wertschätzung für ihre Arbeit im Rahmen des Organspendeprozesses aussprach. ›Weiterlesen
Auch Thomas Biet, Kaufmännischer DSO-Vorstand, dankte allen, die bei einer Organspende mitwirken, die Verantwortung übernehmen, die nachts und am Wochenende dafür sorgen, dass Prozesse funktionieren – und die dabei nie vergessen, dass hinter jeder postmortalen Organspende zuerst der Tod eines Menschen steht und damit ein Verlust. Dies ist die eine Lebenswirklichkeit: einer Familie, die Abschied nehmen muss. Die andere Lebenswirklichkeit ist ein schwer kranker Mensch, der möglicherweise schon seit Jahren auf ein lebensrettendes Organ wartet. Jede Transplantation steht daher für mindestens 2 Familiengeschichten – eine, in der ein Mensch fehlt, und jene, in der plötzlich eine Zukunft möglich ist.
Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer DSO-Vorstand, informierte, dass die Organspendezahlen mit Stand September ein 10-Jahres-Hoch erreicht haben. Allerdings setzt sich der Mangel an Spenderorganen weiterhin fort. Hauptgrund dafür, dass keine Organspende zustande kam, war auch im Jahr 2025 wieder die fehlende Zustimmung, überwiegend durch Angehörige. Rahmel sieht daher großes Potenzial in der Widerspruchsregelung dahingehend, dass durch sie eine Auseinandersetzung mit der eigenen Entscheidung und Dokumentation stattfinden könnte.
Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, lenkte den Blick auf die Bedingungen in den Kliniken, wo sich die Möglichkeiten einer Organspende entscheiden. Dort muss sie erkannt werden, im Alltag, der oft durch Personalmangel, Bürokratien, Zeitmangel und weitere Faktoren beeinflusst ist. Daher sollten bei der Krankenhausreform die Folgen für die Prozesse im Ablauf einer Organspende mitberücksichtigt und diskutiert werden, wenn z.B. Standorte sich verändern und regionale Versorgungswege sich verlängern.
Wie Kliniken gemeinsam stärker agieren können, zeigten Victoria Kaufmann (BG Unfallklinik Ludwigshafen) und Dr. med. Christian Urbanek (Klinikum der Stadt Ludwigshafen) auf. Ihr „Netzwerk Organspende Ludwigshafen – wir helfen Leben“ ist ein regionaler Klinikverbund von vier Häusern in Ludwigshafen, der durch die gemeinsame Koordinierung der Organspendeprozesse die Zahl der Organspenden von zwei bis drei auf fünf bis sechs im Jahr erhöht hat. Ein weiteres Ziel des Netzwerks ist die Aufklärung der Bevölkerung zur Organspende. Für dieses Engagement wurde der Verbund im vergangenen Jahr durch das Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz und die DSO geehrt.
Wie erreicht man alle Mitarbeitenden auf den Intensivstationen, um sie für das sensible Thema Organspende zu sensibilisieren? Die Fortbildungsinitiative der Charité entwickelte dazu das digitale Angebot „Organspende lernen, erkennen, ermöglichen“, das wiederkehrende Fragen und Abläufe zum Organspendeprozess aufgreift und interaktiv mit Fallbeispielen und Befunden gestaltet. Insbesondere soll die Sicherheit bei der Spendererkennung vermittelt werden, erklärte Dr. med. Stefan Angermair (Charité – Universitätsmedizin Berlin), aber auch die Kommunikation und Begleitung der Angehörigen. Das Fortbildungsmodul dauert 20 Minuten und ist für alle 2.200 ärztlichen Mitarbeitenden der Charité, die mit dem Thema Organspende in Berührung kommen, verpflichtend, für Pflegende ist dies zukünftig geplant.
Am Beispiel des seit 2016 bestehenden Transplantationsregisters informierten Prof. Dr. Gunter Grieser (Hochschule Darmstadt) und Lukas Klein (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), welche Potenziale die systematische Erfassung und Auswertung medizinischer Daten für die Qualitätssicherung, die Forschung und die Weiterentwicklung der transplantationsmedizinischen Versorgung bieten. Dabei sollen zukünftig mittels IDEN (Interdisziplinärer Data-Science-Prozess zur effektiven Nutzbarmachung medizinischer Register- und Studiendaten) z.B. individuelle Akzeptanzkriterien definiert werden können, um die Entscheidung über die Akzeptanz eines Spenderorgans durch eine individualisierte Prognose zu unterstützen. Und das ist letztlich auch das Ziel eines Registers wie des Transplantationsregisters: erhobene Daten in überprüfbare Erkenntnisse und bessere Entscheidungen zu übersetzen. Dabei sind Datenerhebung, Forschung und Versorgungsverbesserung kein linearer Prozess, sondern ein gemeinsamer Kreislauf.
Am zweiten Kongresstag berichtete Christian Brandtner, Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Nordrhein-Westfalen, von der Einführung der Maschinenperfusion für Nieren von Spendern mit erweiterten Spenderkriterien (Extended Criteria Donor, ECD) samt erster Erfahrungen. Die Umsetzung des „wahrscheinlich größten Einzelprojekts“ seit Bestehen der DSO war herausfordernd, bedeutete sie doch eine organisationsübergreifende Etablierung eines neuen Prozesses. Damit ging eine umfangreiche organisatorische Planung einher, z.B. beim Transport der LifePort® Kidney Transporter (LKT) und zusätzlich benötigten Lagerkapazitäten. Auch der personelle Aufwand war enorm: So wurden insgesamt bisher rund 1.000 Personen im Umgang mit dem LKT geschult, darunter ca. 300 DSO-Mitarbeitende sowie 700 Mitarbeitende in den 34 Nierentransplantationszentren, davon rund 400 Chirurginnen und Chirurgen im Entnahmedienst. Der Start der Maschinenperfusion der Niere konnte termingerecht zum 19. Januar erfolgen. Bisheriges Fazit laut Brandtner: Etwa die Hälfte aller Nierenspenden entfiel auf ECD-Nieren. Bei 79 Prozent von ihnen kam ein LKT zum Einsatz. Hauptgründe, warum dies nicht der Fall war, waren medizinische Faktoren (wie z.B. eine Arteriosklerose oder Arteriendissektion), daneben zumeist die Allokation ins Ausland. Etwas aufwändiger gestaltete sich bislang der Operationsablauf (ca. 30 Minuten mehr) bei Einsatz eines LKT, der aber zukünftig wahrscheinlich wieder abnehmen wird. Brandtner betonte, dass erst längerfristig mit aussagekräftigen Daten zu rechnen sei, ob die Maschinenperfusion von ECD-Nieren insbesondere zu einer besseren Langzeitfunktion der Transplantate führe.
Auch für andere Organe böte die Maschinenperfusion Potenzial, um den Spenderpool zu vergrößern. Prof. Dr. med. Nathanael Raschzok (Charité – Universitätsmedizin Berlin) stellte die ExTra-Studie vor, an der mittlerweile mehr als zwei Drittel der deutschen Transplantationszentren teilnehmen. Über 80 Prozent der zunächst abgelehnten Lebern werden perfundiert, erneut bezüglich ihrer Qualität beurteilt und bestenfalls anschließend transplantiert. Der Einsatz der Maschinenperfusion könnte so die Zahl der verfügbaren Spenderlebern erhöhen und damit die Wartezeit auf eine Lebertransplantation stark verkürzen.
Auch beim Herzen sieht PD Dr. med. Sabina Günther (Herz- und Diabeteszentrum NRW) Möglichkeiten, wie die Maschinenperfusion insbesondere die Lagerung und damit die Verhinderung myokardialer Schäden positiv beeinflussen kann, gerade von marginalen Organen. Sie wies darauf hin, dass derzeit mehrere Systeme existieren, die aber jeweils Vor- und Nachteile haben. Um diese besser beurteilen zu können, wären aber noch weitere Studien nötig, insbesondere zu den Vorgängen auf zellulärer Ebene.
Unter dem Motto „Man lernt nie aus!“ präsentierten sich simulationsbasierte Trainings und Virtual Reality – beide Formate können dazu beitragen, die Handlungssicherheit bei der Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls weiter zu stärken. Dr. med. Josephin Damm (Universitätsmedizin Halle) berichtete von der Umsetzung eines simulationsbasierten Kurses zur IHA-Diagnostik in der DSO-Region Ost. Zu dieser Thematik existieren kaum Praxiskurse, sodass die Nachfrage nach Folgekursen sehr hoch ist. Die Lehr- und Lernmethoden umfassen Impulsvorträge zur Grundlagenvermittlung, fallbasiertes Arbeiten mit interaktiven Fragen sowie Skillstraining in Kleingruppen und Simulationen. Die bisherigen Auswertungen ergeben, dass die subjektive Sicherheit in der IHA-Diagnostik durch Absolvieren des Kurses zunimmt. Der dritte Praxiskurs diesen November ist bereits ausgebucht.
Noch einen Schritt weiter geht das von Prof. Dr. med. Markus Holling (Universitätsklinikum Münster) vorgestellte VR-gestützte Simulationstraining zur IHA-Diagnostik. Auch er erkannte, dass diese Diagnostik selten ist, nicht real übbar, regelkomplex und emotional belastend ist. Seine Lösung: An eine Vorlesung und ein Video-Tutorial schließt sich ein Virtual Realtiy Scenario an, in dem am Ende eine endgültige Entscheidung getroffen werden muss, ob der Patient „hirntot“ ist oder nicht. Hollung sieht die Vorteile der VR darin, dass man realistische klinische Szenarien wiederholt üben kann, indem man z.B. alle Reflexe simuliert oder ausschaltet und zudem die eigenen Fähigkeiten messbar macht, wie z.B. die Blickführung, sodass nicht mehr nur reine „Education“ vermittelt wird. Somit könnten demnächst auch Gespräche mit Angehörigen mittels VR besser geübt werden, indem die Stärken und Schwächen der Kommunikation verdeutlich und trainiert werden können.
Tipps zur Angehörigenbegleitung bei der IHA-Diagnostik gab es ebenfalls in diesem Themenblock – und zwar in einer Live-Episode des neuen DSO-Podcasts „7 Leben“. Dr. Dr. Sandra Loder, Geschäftsführende Ärztin der DSO-Region Nord-Ost, und PD Dr. med. Ana Paula Barreiros, Geschäftsführende Ärztin der DSO-Region Mitte, unterhielten sich mit PD Dr. med. Farid Salih (Charité – Universitätsmedizin Berlin) darüber, unter welchen Voraussetzungen die Einbeziehung der Angehörigen zu einem besseren Verständnis der medizinischen Abläufe und des festgestellten irreversiblen Hirnfunktionsausfalls beitragen kann. Salih empfahl, das Thema IHA proaktiv anzusprechen und den Familien anzubieten, bei der klinischen Durchführung der Diagnostik dabei zu sein. Er erklärte ihnen dabei alle Schritte, sodass seiner Meinung nach insbesondere beim Apnoe-Test die Angehörigen nachvollziehen können, dass die verstorbene Person nicht mehr von selbst atmen kann. Auch alle anderen Untersuchungsergebnisse wie z.B. des EEGs erläutert er ausführlich. Gefragt nach den Bedingungen für das Angehörigengespräch unterstrich er, dass am besten auch eine Pflegekraft daran teilnimmt, die meist einen ausgedehnteren Bezug zur Familie hat und im Anschluss, so zeigt die Erfahrung, auch bei Rückfragen eher noch einmal angesprochen wird. Salihs Empfehlung zur Einbeziehung der Angehörigen: „Traut Euch, bietet es an – wir haben nichts zu verbergen!“
Fazit: Expertinnen und Experten verschiedenster Fachrichtungen stellten auf dem DSO-Jahreskongress innovative Konzepte, den Einsatz neuer Technologien und spannende Best-Practice-Beispiele vor und setzten damit wichtige Impulse, wie es gelingen kann, die Entwicklung der Organspendezahlen in Deutschland zu verbessern.
Die beiden Kongresstage waren geprägt von lebhaften Diskussionen und dem gemeinsamen Engagement für die Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten für ein Spenderorgan.
Wir danken allen Teilnehmenden für ihre Beteiligung, ihre Offenheit und den wertvollen Dialog und freuen uns auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr.